# Was wir wirklich über die keltischen Götter wissen
Von den Göttern der alten Griechen und Römer besitzen wir unzählige schriftliche Quellen. Briefe, Gedichte, Inschriften – ein reicher Schatz, der uns ein recht umfassendes Bild ihrer Götterwelt schenkt. Ganz anders sieht es bei den Kelten aus. Ihre Götter bleiben für uns rätselhaft, fast schemenhaft.
Zwar schrieben Griechen und Römer über sie, und die Kelten selbst hinterließen einige Inschriften. Doch unser Wissen ist lückenhaft. Was also wissen wir wirklich – gestützt auf die Quellen, die uns geblieben sind?
Julius Cäsar als frühester Gewährsmann
Eine der wertvollsten Quellen ist Julius Cäsar. In seinem Werk De Bello Gallico aus dem 1. Jahrhundert v. Chr. beschreibt er die Kelten und ihre Götter. Besonders aufschlussreich ist eine Passage:
„Von den Göttern verehren sie am meisten Merkur. Es gibt zahlreiche Bilder von ihm; sie nennen ihn den Erfinder aller Künste, den Führer auf allen Wegen und Reisen, und sie glauben, dass er den größten Einfluss auf Geldgeschäfte und Handel hat.”
Merkur war demnach der oberste Gott der gallischen Kelten. Natürlich verehrten die Kelten keinen römischen Gott mit diesem Namen. Vielmehr liegt hier ein Fall von Synkretismus vor: Die Römer deuteten fremde Mythologien im Licht ihrer eigenen und gaben fremden Göttern vertraute Namen.
Welcher keltische Gott sich hinter Cäsars Merkur verbirgt, ist umstritten. Lange glaubte man, es sei Teutates. Heute neigen die meisten Forscher zu Lugus. Dessen Verehrung war weit verbreitet, und er könnte durchaus als wichtigster Gott der Kelten gelten.
Cäsar fährt fort: „Nach ihm setzen sie Apoll, Mars, Jupiter und Minerva. Von diesen Göttern haben sie fast dieselbe Vorstellung wie alle anderen Völker: Apoll vertreibt die Krankheiten, Minerva lehrt die Anfänge der Künste und Handwerke, Jupiter beherrscht den Himmel, Mars lenkt die Kriege.”
Apoll wird meist mit Belenos gleichgesetzt. Mars verbindet man oft mit Nodens, doch auch Teutates ist ein Kandidat. Minerva scheint Brigantia zu sein, Jupiter war wohl Taranis.
Ein noch früherer Zeuge: Diodor und die Insel der Kelten
Es gibt eine noch ältere Spur. Der Historiker Diodorus Siculus, ebenfalls im 1. Jahrhundert v. Chr. schreibend, beruft sich auf Hekataios von Abdera, der im 4. Jahrhundert v. Chr. lebte. Dessen Schilderung aus der Zeit um 300 v. Chr. beschreibt eine Insel „nicht kleiner als Sizilien” jenseits des Meeres der Kelten – vermutlich Britannien.
Hekataios zufolge war der Hauptgott einer Stadt auf dieser Insel Apoll. Das passt zu Cäsars Darstellung, auch wenn Cäsar Merkur als obersten Gott nennt. Zwei Erklärungen bieten sich an: Vielleicht wurden die Götter in Britannien anders verehrt als in Gallien. Oder Apoll (Belenos) verlor über die Jahrhunderte an Bedeutung gegenüber Merkur (Lugus). Cäsar schrieb schließlich mehr als 200 Jahre nach Hekataios.
Fest steht: Der sogenannte Apoll war den Kelten – besonders denen Britanniens – von frühester Zeit an heilig. Zahlreiche Inschriften für Belenos wurden in Britannien gefunden, und seine Ikonographie gleicht der des griechischen Apoll.
Gab es überhaupt gemeinsame keltische Götter?
Unzählige keltische Götternamen tauchen nur in wenigen Inschriften und an isolierten Orten auf. Das führte zur These, jeder Stamm habe seine eigenen Götter verehrt – es habe keine gemeinsamen keltischen Gottheiten gegeben. Doch diese Ansicht wird von vielen Forschern zu Recht kritisiert.
Viele der scheinbar einzigartigen Namen könnten lediglich Beinamen bekannterer Götter sein. Und es gibt eindeutige Belege für Götter, die im gesamten keltischen Raum verehrt wurden. Die Encyclopedia Britannica fasst es treffend zusammen: „Die Vorstellung eines keltischen Pantheons, das nur aus lokalen Göttern besteht, wird durch mehrere gut bezeugte Gottheiten widerlegt, deren Kulte nahezu überall in den keltischen Siedlungsgebieten nachweisbar sind.”
Lugus ist so ein Beispiel. Inschriften mit seinem Namen finden sich in Iberien und Gallien. Ortsnamen wie Lugudunum (das heutige Lyon) zeugen von seiner Verehrung. Auch in Britannien und Irland tauchen Figuren aus mittelalterlichen Mythen auf, die direkte Nachfahren des Lugus zu sein scheinen.
Brigantia, Cäsars Minerva, wurde ebenfalls weit verehrt. Neben Inschriften in Britannien tragen die Brigantier in Österreich ihren Namen. Ähnliche Spuren finden sich in Frankreich und Portugal.
Das Rätsel um Cernunnos
Ein weiterer weit verehrter Gott ist Cernunnos – heute einer der bekanntesten keltischen Götter. Seine Darstellung auf dem Gundestrup-Kessel ist berühmt. Doch es gibt ein Problem: Der Name Cernunnos erscheint nur auf einer einzigen Inschrift, der Pfeiler der Schiffsleute aus Paris (1. Jahrhundert n. Chr.). Manche Forscher vermuten daher, es handle sich nur um einen lokalen Beinamen. Da uns aber keine Alternative bleibt, akzeptieren wir „Cernunnos” als Namen.
Cäsar schreibt, die Kelten hätten sich als Nachfahren des Dis Pater betrachtet, des römischen Gottes der Unterwelt. Aus verschiedenen Gründen verbinden Forscher Dis Pater mit Cernunnos. Dessen Darstellungen wurden nicht nur in Frankreich gefunden, sondern auch in Italien und Dänemark – ein weiteres Indiz für seine weite Verehrung.
Was wir wirklich wissen
Zusammenfassend lässt sich sagen: Wir wissen vergleichsweise wenig über die Götter der Kelten, aber wir können doch einiges zusammensetzen.
Laut Cäsar war der oberste Gott der sogenannte Merkur – offenbar der keltische Gott Lugus. Auch Belenos, Teutates, Brigantia und Taranis wurden als wichtige Götter verehrt. Die Behauptung, jeder Stamm habe seine eigenen Götter gehabt und es habe kein gemeinsames Pantheon gegeben, ist nicht haltbar. Es gibt genug Belege für Götter, die im gesamten keltischen Raum angebetet wurden – Lugus und Brigantia sind nur zwei Beispiele.
Belenos, in der Gestalt des Apoll, scheint für die frühen Kelten besonders bedeutend gewesen zu sein, vor allem in Britannien. Das wissen wir durch Diodorus Siculus, der sich auf Hekataios von Abdera beruft. Demnach war Apoll um 300 v. Chr. der Hauptgott zumindest einer Region Britanniens.
Die keltischen Götter bleiben geheimnisvoll. Aber sie sind nicht ganz so unbekannt, wie man meinen könnte.


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