# Der eine, der zurückkam
Sie standen an der Grenze – wortwörtlich. Zwischen Samaria und Galiläa verlief ein Streifen Niemandsland, in dem die Ausgestoßenen hausten. Die Kranken, die Unberührbaren, die zum Leben im Verborgenen Verurteilten.
Aussatz war im Altertum nie nur eine Hautkrankheit. Es war der soziale Tod. Wer als „unrein“ galt, hatte seinen Platz in der Gemeinschaft verloren. Für immer.
Als ich mich näher mit der Geschichte von den zehn Aussätzigen beschäftigte, bekam dieses Wunder für mich eine ganz neue Tiefe. Zehn Freunde, verbunden durch ihr gemeinsames Leid – und doch getrennt durch ihre Antwort auf ein Wunder, das alles veränderte.
Leben in der Kolonie: Die Realität des antiken Aussatzes
Das Gesetz des Mose war Gottes Gebrauchsanweisung für sein Volk. Neben den religiösen Vorschriften gab es viele praktische Regeln für Gesundheit und Zusammenleben. Eine davon: Wer „Aussatz“ hatte – womit damals verschiedene Hautkrankheiten gemeint waren – wurde vollständig aus der Gemeinschaft ausgeschlossen.
Was die Bibel als „Aussatz“ beschreibt, war höchstwahrscheinlich die Hansen-Krankheit oder eine ähnliche Hauterkrankung. Versuchen wir uns vorzustellen, was das bedeutet hat: physisch, psychisch, sozial. Als „lebendig tot“ zu gelten im 1. Jahrhundert.
Die Bibel ist da erschreckend genau:
„Der Aussätzige soll zerrissene Kleider tragen, sein Haar soll er wirr hängen lassen, den Bart soll er verhüllen und rufen: ‚Unrein! Unrein!‘ … Er soll abgesondert wohnen, außerhalb des Lagers.“ (3. Mose 13,45-46)
„Sie blieben in der Ferne stehen und riefen: ‚Jesus, Meister, erbarme dich unser!‘“ (Lukas 17,12-13)
Geht und zeigt euch den Priestern: Das Wunder des Gehorsams
Jesus war ständig mit den religiösen Autoritäten seiner Zeit aneinandergeraten. Und jetzt schickte er die Geheilten ausgerechnet zu den Priestern – als Zeugen seiner Macht.
„Er sagte: ‚Geht und zeigt euch den Priestern.‘ Und während sie hingingen, wurden sie rein.“ (Lukas 17,14)
Die Heilung geschah „während sie hingingen“. Glaube in Bewegung. Das ist der Kern dieser Geschichte.
Für die zehn Männer muss das seltsam geklungen haben: zum Priester gehen, bevor sie überhaupt geheilt waren? Aber wer die Schriften kannte, verstand, warum Jesus das sagte:
„Der Priester soll vor das Lager hinausgehen und den Aussätzigen untersuchen.“ (3. Mose 14,1-3)
Jesus spielte nach ihren Regeln – nur um sie zu übertreffen.
Der samaritanische Skandal: Eine Lektion in Ironie
„Jesus aber sprach: Sind nicht die zehn rein geworden? Wo sind aber die neun? Hat sich sonst keiner gefunden, der umkehrte, um Gott die Ehre zu geben, als nur dieser Fremde?“ (Lukas 17,17-18)
Nichts an dieser Geschichte war zufällig. Jesus handelte mit Absicht.
Zwischen Juden und Samaritern klaffte ein tiefer Graben. Jahrhundertealte Feindschaft, gegenseitige Verachtung, religiöse und ethnische Vorurteile. Dass ausgerechnet ein Samariter zurückkam, erzeugt ein seltsames Echo auf eine andere Geschichte, die Jesus erzählte: die vom barmherzigen Samariter.
In beiden Fällen war der „theologisch Falsche“ der Gerechte. Der samaritanische Aussätzige erkannte, woher seine Heilung kam – während die „Insider“ sie einfach hinnahmen.
Geheilt oder ganz? Die zwei Ebenen des Wunders
Jesus‘ Reaktion auf den dankbaren Samariter ist rätselhaft:
„Steh auf und geh; dein Glaube hat dich gerettet.“ (Lukas 17,19)
Diese Worte haben viele Diskussionen ausgelöst: Waren die anderen neun überhaupt wirklich geheilt?
Die Antwort wird klarer, wenn man das griechische Original betrachtet. Für die zehn wird ein Wort für körperliche Heilung verwendet. Für den einen, der zurückkam, ein anderes: sesōken – gerettet, ganz gemacht, erlöst.
Die Geschichte ist eine Studie über Dankbarkeit und ihre Rolle in der geistlichen Verwandlung. Viele wurden geheilt. Aber nur einer wurde ganz.
Das Wunder in der Kunst: Den Ausgestoßenen zeigen
Künstler haben diese Szene immer wieder dargestellt – in byzantinischen Mosaiken, in Renaissance-Gemälden. Oft liegt der Fokus auf dem dramatischen Niederfallen des einen Aussätzigen vor Jesu Füßen. Die räumliche Distanz zwischen den neun und dem einen unterstreicht den emotionalen Kern der Erzählung.
„Jesus, der zehn Aussätzige geheilt hat, ist betrübt, dass nur einer zurückkehrt, um Dank zu sagen.“ (Bildunterschrift aus dem 19. Jahrhundert)
Was bleibt
Diese berühmte Geschichte aus der Bibel handelt nicht einfach von guten Manieren. Sie handelt von radikaler Einbeziehung der „Anderen“. Schon im Alten Testament zeigt sich Gott als einer, der Grenzen überschreitet. Jesus hat die sozialen Normen seiner Zeit gesprengt, indem er überhaupt mit diesen Aussätzigen sprach.
Diese Begegnung enthält alle Elemente, die später zu Jesu Kreuzigung führen sollten: Seine Wunder, die die Massen beeindruckten. Seine Weigerung, sich den Autoritäten im Tempel zu unterwerfen. Sein offenes Überschreiten gesellschaftlicher Grenzen – ob beim Essen mit Sündern oder beim Berühren samaritanischer Aussätziger.
Der eine, der zurückkam, bleibt ein zeitloses Symbol für die Kraft eines dankbaren Herzens in einer zersplitterten Welt. Laut der Schrift war es seine Dankbarkeit, die ihn ganz machte – mit einer Heilung, die ihm niemand mehr nehmen konnte.


Relevant
Der Gott, der weint
Wie Hiram Revels 1870 Amerikas erster schwarzer Senator wurde
Die unsichtbaren Reisenden: Wie Bedienstete das 18. Jahrhundert bereisten
Illegitimacy in the Scottish Countryside: A Way of Life
Liebe, Sex und Ehe im antiken Griechenland
Wenn die Toten zurückkehren: Was die Bibel wirklich über Geister sagt
Snorri Sturluson: Unsere wichtigste Quelle für die nordische Mythologie?
Der vergessene Anstand im Krimkrieg