70 Jahre Nationalparks: Ein Stück Nachkriegsträume, das uns bis heute begleitet

70 Jahre Nationalparks: Ein Stück Nachkriegsträume, das uns bis heute begleitet

Im Dezember 2019 jährt sich der “National Parks and Access to the Countryside Act” zum siebzigsten Mal. Dieses Gesetz von 1949 schuf die rechtliche Grundlage für die Nationalparks und “Areas of Outstanding Natural Beauty” in England und Wales. Es öffnete die Türen zur Natur, reformierte den Zugang zum Land und etablierte neue Standards für den Schutz von Landschaft und Tierwelt. Für die Naturschutzbewegung war es ein Meilenstein. Doch was oft vergessen wird: Dieses Gesetz war kein isolierter Akt des Umweltschutzes. Es war ein integraler Bestandteil des großen Wiederaufbauprogramms nach dem Zweiten Weltkrieg – ganz selbstverständlich eingereiht neben Gesundheitsversorgung, Wohnungsbau, Bildung und dem Wohlfahrtsstaat.

Die Idee, das Kulturelle, Natürliche und Ästhetische einer Landschaft zu schützen, ist älter. Sie reicht zurück ins frühe 19. Jahrhundert. William Wordsworth, der Dichter der Romantik, war einer ihrer第一批 und bekanntesten Fürsprecher. Schon 1810 beschrieb er den Lake District als “eine Art nationales Eigentum, an dem jeder Mensch ein Recht und ein Interesse hat, der ein Auge zum Sehen und ein Herz zum Genießen besitzt”. Ein radikaler Gedanke damals: dass schöne Landschaften ein nationales Gut sind, das allen gehört.

Im Laufe des 19. Jahrhunderts wuchs das Interesse, diese Landschaften zu bewahren und zugänglich zu machen. Die unkontrollierte Bebauung und die Einhegung von Gemeindeland gaben dem Anliegen Auftrieb. Vor allem aber waren es die entsetzlichen Lebensbedingungen in den schnell wachsenden Industriestädten, die den Ruf nach Erholung im Grünen laut werden ließen. Aus dieser Zeit stammen Organisationen wie die Open Spaces Society, der National Trust und später die Campaign to Protect Rural England – sie alle legten das Fundament für die Nationalparks.

Im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert gab es immer wieder Kampagnen für ein Gesetz, das den Zugang zur Natur öffnen sollte. Doch sie scheiterten. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde der Widerspruch zwischen der romantischen Vorstellung vom Landleben und der Realität der verschlossenen Tore immer schmerzhafter. Heimkehrende Soldaten konnten die Landschaften, für die sie zu kämpfen glaubten, nicht frei betreten. Der Unmut wuchs.

1929 berief der neue Labour-Premierminister Ramsay MacDonald ein Nationalparks-Komitee ein. Unter der Leitung von Christopher Addison, einem früheren Gesundheitsminister, empfahl das Komitee, unsere wertvollsten Landschaften durch ein Netz von Schutzgebieten zu sichern – einige für den Naturschutz, andere für den Erholungssuchenden aus der Stadt. Doch die Labour-Regierung war kurzlebig, die Wirtschaftskrise dominierte die Politik. Die Vorschläge versandeten. Dennoch: Die Idee der Nationalparks war nun auf Regierungsebene angekommen.

In dieser Zeit entwickelte die Bewegung eine zweite Front: den zivilen Ungehorsam. In den frühen 1930er Jahren lebte die Hälfte der englischen Bevölkerung innerhalb von 80 Kilometern des Peak District. Doch über 24.000 Hektar Moorland waren für die Öffentlichkeit gesperrt. Immer mehr Menschen begannen, aus Protest auf dem Land zu wandern – und wurden zurückgewiesen. Die Antwort der Aktivisten: organisierte Massenbesetzungen. Die berühmteste fand 1932 auf dem Kinder Scout statt. Fünf der etwa 400 Protestierenden wurden verhaftet und zu sechs Monaten Haft verurteilt. Der unmittelbare Erfolg war bescheiden, aber der Funke war übergesprungen.

1936 gründete sich das “Standing Committee on National Parks” (der Vorläufer der heutigen Campaign for National Parks). Es bündelte die Kräfte von Naturschutz- und Zugangsorganisationen und betonte vor allem den gesundheitlichen Nutzen von Zeit in der Natur. Eine Schlüsselfigur war John Dower, ein Architekt und Stadtplaner. Er glaubte leidenschaftlich daran, dass die Nationalparks nicht nur den Privilegierten gehören sollten, “sondern allen, die kommen, um Geist und Seele zu erfrischen und ihren Körper in einer friedvollen Umgebung natürlicher Schönheit zu bewegen”.

Doch dann kam der Zweite Weltkrieg. Alle Dynamik schien verloren. Ironischerweise wurde der Krieg zum Wendepunkt. Die Koalitionsregierung war sich der Notwendigkeit bewusst, Pläne für den Wiederaufbau nach dem Krieg zu schmieden. Die Nationalparks wurden Teil dieser Agenda. Das Interesse am Landleben speiste sich zwar auch aus der Bedeutung der Landwirtschaft, aber es ging um mehr: um Landschaftsschutz und öffentlichen Zugang als Teil eines neuen Gesellschaftsvertrags.

1941 beauftragte Lord Reith, der Minister für Wiederaufbauplanung, eine Kommission zur Landnutzung. Der “Scott Report” von 1942 empfahl unter anderem, dass Nationalparks längst überfällig seien und der Öffentlichkeit zugänglich sein müssten. John Dower wurde beauftragt, konkrete Vorschläge auszuarbeiten. Er litt bereits an Tuberkulose, die ihn 1947 das Leben kosten sollte. Doch das hielt ihn nicht auf. Sein bahnbrechender Report von 1945 legte ein umfassendes Konzept vor: Nationalparks sollten Naturschutz und Erholung vereinen, die bestehende landwirtschaftliche Nutzung erhalten und zehn Gebiete vorschlagen – darunter den Lake District, Snowdonia, Dartmoor und den Peak District.

Die neue Labour-Regierung blieb dem Prinzip treu. Eine weitere Kommission unter Sir Arthur Hobhouse bereitete die Gesetzgebung vor. Im Frühjahr 1949 wurde der “National Parks and Access to the Countryside Bill” eingebracht. Es gab Widerstand – von Grundbesitzern und lokalen Behörden. Einige der ursprünglichen Bestimmungen wurden abgeschwächt. Doch die Kernziele wurden erreicht. Bei der Einführung des Gesetzes im Unterhaus nannte es der Minister für Stadt- und Landplanung, Lewis Silkin, “eine Volkscharta für die frische Luft”, die den Menschen das Land “zu ihrem eigenen” machen würde.

Siebzig Jahre später ist dieses Gesetz ein bemerkenswertes Vermächtnis des Nachkriegsoptimismus. Es erinnert uns daran, dass der Schutz der Natur und das Recht auf Zugang zu ihr keine Randthemen sind, sondern zum Kern eines gerechten und lebenswerten Gemeinwesens gehören.

Related Stories