Als Martin Luther am 31. Oktober 1517 seine 95 Thesen veröffentlichte, ahnte er nicht, dass seine Tat zur größten Krise der römisch-katholischen Kirche führen würde: der protestantischen Reformation. Was als Protest gegen den Machtmissbrauch des Klerus im 16. Jahrhundert begann, entwickelte sich zu einer Infragestellung der grundlegenden Lehrsätze der Kirche und der päpstlichen Autorität. Erfahren wir, wie Martin Luthers 95 Thesen die Ereignisse beschleunigten, die zu einer dauerhaften Spaltung der westlichen christlichen Kirche führten.
Die Ausgangslage: Missstände und Rufe nach religiösen Reformen
Martin Luther war nicht der erste Theologe, der den moralischen Bankrott der römischen Kirche kritisierte. Der verschwenderische Lebensstil der Renaissance-Päpste, die eher weltliche Herrscher als geistliche Führer waren, veranlasste viele dazu, Reformen zu fordern und den Missbrauch durch das Papsttum und den Klerus anzuprangern. Insbesondere Reformatoren und Gläubige nahmen Anstoß an den moralisch zweifelhaften Wegen, mit denen die Päpste ihre Förderung von Kunst und Architektur finanzierten.
Der Unmut über das luxusliebende Papsttum wurde zudem durch das Erwachen des Nationalgefühls auf dem europäischen Kontinent befeuert. Während Herrscher ihre Autorität und Unabhängigkeit gegenüber der römischen Kirche behaupteten und die Kontrolle über den lokalen Klerus einforderten, riefen zahlreiche Theologen das Papsttum dazu auf, zu seinen ursprünglichen Werten der Reinheit und Armut zurückzukehren.
In den 1330er Jahren betonte der franziskanische Theologe Wilhelm von Ockham die Rolle der Armut in der Ordensregel der Franziskaner. Er betrachtete die Kirche als eine organisierte, aber nicht unfehlbare Institution und bezeichnete sie als eine Gemeinschaft von Gläubigen. Im Jahr 1339 unterstützte er das Recht des englischen Monarchen, Kirchenbesitz zu besteuern. Etwa zur gleichen Zeit vertrat der englische Theologe John Wyclif, der gemeinhin als Vorläufer der protestantischen Reformation gilt, die Ansicht, dass die Kirche ihren weltlichen Besitz aufgeben sollte, und kritisierte ihre moralischen Verfehlungen. Jan Hus, der 1415 als Ketzer verbrannt wurde, argumentierte, dass dem Papsttum lediglich weltliche Autorität zukomme.
Der italienische Humanist Lorenzo Valla, der im 15. Jahrhundert wirkte, kritisierte die mittelalterliche Kirche gleichermaßen scharf. In seiner berühmten Declamatio wies er nach, dass die Konstantinische Schenkung – auf die das Papsttum seinen Anspruch auf weltliche Macht stützte – eine Fälschung war. Im darauffolgenden Jahrhundert hinterfragte auch Erasmus von Rotterdam die Praktiken und den Aberglauben der mittelalterlichen Kirche und betonte, wie anfällig diese für Missbrauch seien.
Göttliche Vergebung kaufen? Der Ablass-Skandal
Die Empörung über die offenkundig missbräuchlichen Praktiken der römischen Kirche war auch die treibende Kraft hinter Luthers Entscheidung, seine 95 Thesen verfassen. Insbesondere verurteilte Luther die weit verbreitete Praxis des Verkaufs von Ablässen, also dem Nachlass von Sündenstrafen. Nach Ansicht der Kirche basierte das Ablasswesen auf dem Glauben, dass Jesus Christus und die Heiligen einen „Schatz der Verdienste“ (thesaurus meritorum) angehäuft hätten, der Christen helfen könne, das Heil zu erlangen.
Ursprünglich konnten Ablässe nur als Erlass für Taten gewährt werden, die das Papsttum auf Erden als sündhaft erachtete. Im Jahr 1095 beispielsweise bot Urban II. den Christen, die am Ersten Kreuzzug teilnahmen, einen vollkommenen Ablass an. Im Laufe der Zeit wurden jedoch auch die Strafen einbezogen, die die Seelen im Fegefeuer zu erleiden hatten. Schließlich wurde der Verkauf von Straferlassen zu einer gängigen Methode der Kirche, um Geld zu beschaffen.
Im Jahr 1517 benötigte Papst Leo X., dessen verschwenderischer Lebensstil die Kassen des Kirchenstaates geleert hatte, Mittel für den Wiederaufbau des Petersdoms in Rom. Er autorisierte eine Reihe von Geistlichen, den Ablassverkauf in Deutschland durchzuführen. Unter ihnen war Erzbischof Albrecht von Mainz, der nach der Bezahlung für seine Ernennung zum hohen Amt tief verschuldet war. Er hatte eine geheime Vereinbarung getroffen, die es ihm erlaubte, die Hälfte der Erlöse zur Begleichung seiner ausstehenden Rechnungen zu verwenden. Als Generalkommissar für den Verkauf setzte Albrecht den Dominikanermönch Johann Tetzel ein, einen erfahrenen „Verkäufer“.
Tetzel zögerte nicht, in seinen Predigten ungeheuerliche Behauptungen aufzustellen. Die Käufer von Ablässen seien nicht nur gegen zukünftige Sünden „versichert“, sondern wenn sie den besonderen Erlass im Namen einer Seele im Fegefeuer erwarben, würde diese sofort in den Himmel kommen. „Hört ihr nicht die Stimmen eurer schreienden verstorbenen Eltern und anderer, die sagen: ‚Erbarmt euch unser … denn wir leiden schwere Strafe und Pein. Daraus könntet ihr uns mit einem kleinen Almosen erlösen, und doch wollt ihr es nicht tun‘“, predigte Tetzel in einer seiner Reden.
Die 95 Thesen
Tetzels Kampagne provozierte den Zorn Martin Luthers, der bereits Anfang 1517 in seiner Disputation gegen die scholastische Theologie die Frage der Gnade und der Erlangung dieser durch gute Werke thematisiert hatte. Geplagt von dem, was er Anfechtungen nannte, fürchtete Luther das göttliche Gericht. Diese Angst führte ihn schließlich dazu, die Lehren der römischen Kirche über die Erlösung, den Glauben und die Rolle der Heiligen Schrift infrage zu stellen.
Für einen Mann, der zutiefst um das Heil besorgt war, war Tetzels Ablasspredigt nichts als ein unmoralisches Mittel, um (ohne vorherige Reue) Verdienste vor den Augen Gottes zu erlangen. Am 31. Oktober 1517 brachte Luther sein Missfallen über das, was er als Beweis für den geistlichen Bankrott der Kirche ansah, öffentlich zum Ausdruck, indem er seine 95 Thesen an die Tür der Schlosskirche in Wittenberg heftete. Es war der Beginn der protestantischen Reformation. Im Jahr 1517 beabsichtigte Luther jedoch noch nicht, mit der römischen Kirche und ihrer Lehre zu brechen. Dennoch war seine Kritik an der päpstlichen Autorität in Bezug auf das Ablasswesen zweifellos provokativ.
„Warum baut der Papst, dessen Vermögen heute größer ist als das der reichsten Reichen, nicht wenigstens diese eine Kirche St. Peter von seinem eigenen Geld statt von dem der armen Gläubigen?“, schrieb Luther in These 86. Auch These 82 verurteilte den finanziellen Missbrauch des Papsttums und wies darauf hin, dass der Papst das Fegefeuer „um der heiligsten Liebe und der höchsten Not der Seelen willen“ leeren sollte, und nicht „um des unseligen Geldes willen zum Bau einer Kirche“.
Laut Luther war das Ablasssystem nicht nur anfällig für Missbrauch, sondern basierte auf einer fehlerhaften Lehre. Er argumentierte, der Papst könne „keine Strafen erlassen, außer jenen, die er nach eigenem Ermessen oder nach den kirchlichen Rechtsvorschriften (Kanones) auferlegt hat“. Schließlich habe „jeder wahre reumütige Christ Anspruch auf vollkommenen Erlass von Strafe und Schuld, auch ohne Ablassbriefe“. Luther war zunehmend davon überzeugt, dass die Erlösung ein freies Geschenk Gottes sei: „Es ist gewiss: Sowie der Groschen im Kasten klingt, kann Gewinn und Habgier wachsen; aber die Fürbitte der Kirche steht allein in Gottes Wohlgefallen.“
Schließlich stellten die 95 Thesen die Vorstellung eines „Schatzes der Verdienste“ der Heiligen infrage, der durch Ablässe mit den Gläubigen geteilt werden könne. „Der wahre Schatz der Kirche ist das allerheiligste Evangelium von der Herrlichkeit und Gnade Gottes“, argumentierte Luther in These 62. Somit könnten Ablässe nur verblassen „verglichen mit der Gnade Gottes und der Frömmigkeit des Kreuzes“.
Dogmatischer Widerstand
Als die Nachricht von Luthers Kritik an den Ablässen Erzbischof Albrecht erreichte, benachrichtigte dieser im Dezember 1517 Rom mit der Bitte, den Augustinertheologen in seine Schranken zu weisen. Unterdessen begannen deutsche Übersetzungen der Thesen (die ursprünglich auf Latein verfasst worden waren) in Deutschland zu kursieren, wo viele Luthers Frustration über den moralischen Verfall und die finanziellen Erpressungen des Klerus teilten.
In den folgenden Jahren entwickelte Luther, ermutigt durch die breite Unterstützung für seine Thesen, seine Position zu Erlösung, Gnade und Glauben weiter. Was als Ruf nach radikalen Reformen innerhalb der Kirche begonnen hatte, wurde zu einer direkten Herausforderung für das, was Luther als irrige Lehren wahrnahm, die seiner Meinung nach die Wurzel der Probleme der Kirche des 16. Jahrhunderts waren.
In einer biografischen Einleitung zu einer Sammlung von Schriften aus dem Jahr 1545 beschrieb Luther jenen Moment (bekannt als das „Turmerlebnis“), in dem er die Offenbarung hatte, dass die Rechtfertigung (der Akt, durch den ein Mensch vom Zustand der Sünde in den Zustand der Gnade übergeht) allein durch den Glauben (sola fide) geschieht. Diesem Bericht zufolge hatte der Theologe seinen entscheidenden Durchbruch im Jahr 1519, als er über den Brief des heiligen Paulus an die Römer (Römer 1,17) meditierte, in dem es heißt: „Der Gerechte wird aus Glauben leben.“ Luther erklärte: „Da fing ich an zu verstehen, dass die Gerechtigkeit Gottes diejenige ist, durch die der Gerechte als durch Gottes Gabe lebt, nämlich aus dem Glauben.“
Neben der Ablehnung des Ablasssystems forderte Luthers Rechtfertigungslehre direkt den Glauben der Kirche heraus, dass der Mensch zu seinem Heil beitragen könne. Er betonte die Schlüsselrolle des persönlichen Glaubens als einzigen Weg zur Annahme der göttlichen Gnade. Für Luther ist diese Lehre direkt „durch das Evangelium offenbart“. Nach seiner theologischen Auffassung ist die Schrift die höchste christliche Autorität (sola scriptura), und jeder Gläubige ist in der Lage, ihren Inhalt zu verstehen. Die Implikation war klar: Die Rolle der Kirche und des Papsttums als Vermittler zwischen Mensch und Gott war nicht länger notwendig.
In den folgenden Jahren verfeinerte Luther seine Theologie in einer Reihe von Werken wie An den christlichen Adel deutscher Nation, Von der Freiheit eines Christenmenschen und Von der babylonischen Gefangenschaft der Kirche. In letzterem äußerte der Augustinermönch seine Ansichten zu den Sakramenten und lehnte die Lehre von der Transsubstantiation ab (die Vorstellung, dass der Leib Christi Brot und Wein während des von einem Priester vollzogenen Abendmahls ersetzt), wodurch er die hierarchische Struktur der Kirche weiter infrage stellte.
Die Exkommunikation
Zu dem Zeitpunkt, als Luther die dogmatischen Eckpfeiler seiner Theologie entwickelte, war der Streit um seine 95 Thesen in vollem Gange. Nachdem die römische Kirche begonnen hatte, die Angelegenheit zu untersuchen, lud Kardinal Tommaso de Vio (bekannt als Cajetan), der mit der Untersuchung beauftragte päpstliche Legat, Luther im Oktober 1518 nach Augsburg zu einem Gespräch über seine Thesen vor.
Cajetan forderte Luther zum Widerruf auf, doch der deutsche Theologe weigerte sich nachzugeben und kehrte nach Wittenberg zurück. Im November erließ Leo X. die Bulle Cum postquam, in der er die Frage der Ablässe behandelte und deren dogmatische Grundlagen definierte. Luthers Ansicht wurde nun offiziell für im Widerspruch zur kirchlichen Lehre stehend erklärt. Der Papst drängte Cajetan zudem, Luther festnehmen und nach Rom bringen zu lassen.
Im Juni 1519 kritisierte Johannes Eck, ein Verteidiger der katholischen Kirche, in einer öffentlichen Disputation in Leipzig Luthers 95 Thesen und betonte die Ähnlichkeit zwischen Luthers Infragestellung des päpstlichen Primats und der Position des Ketzers Jan Hus. Im Februar 1520 erklärte eine päpstliche Kommission Luthers Lehren formal für häretisch. Im Juni darauf beschuldigte die päpstliche Bulle Exsurge Domine („Erhebe dich, o Herr“) Luther in 41 Fällen der Abweichung von den Lehren der römischen Kirche und gab ihm 60 Tage Zeit zum Widerruf. Als Antwort verbrannte Luther ein Exemplar der Bulle.
Die politischen Spannungen nach dem Tod des Kaisers des Heiligen Römischen Reiches verzögerten das Vorgehen des Papsttums im Fall Luther, da die römische Kirche ein Interesse am Ausgang der Kaiserwahl hatte und fürchtete, diese könnte das europäische Machtgefüge erschüttern. Die Unterstützung des Papsttums für Friedrich III. den Weisen (Luthers Landesherrn) als kaiserlichen Kandidaten trug auch dazu bei, dass Friedrichs Bitte stattgegeben wurde, Luther eine offizielle Anhörung während des für das Frühjahr geplanten Reichstags zu Worms zu gewähren.
Luther erschien am 17. April 1521 vor dem Reichstag. Am folgenden Tag erklärte er: „Wenn ich nicht durch das Zeugnis der Schrift oder durch klare Vernunftgründe überzeugt werde … so kann und will ich nichts widerrufen, da es weder sicher noch ratsam ist, etwas gegen das Gewissen zu tun.“ Der Überlieferung nach sprach er daraufhin die Worte: „Hier stehe ich, ich kann nicht anders.“
Angesichts von Luthers Weigerung, seine Lehren zu widerrufen, unterzeichnete Kaiser Karl V. am 25. Mai 1521 ein Edikt, das Luther und seine Anhänger für vogelfrei erklärte. Bereits am 3. Januar 1521 hatte Leo X. den deutschen Theologen mit der Bulle Decet Romanum Pontificem exkommuniziert. Unterdessen wurde Luther auf seinem Rückweg aus Worms heimlich auf die Wartburg gebracht, wo er sich fast ein Jahr lang versteckt hielt und mit der Übersetzung des Neuen Testaments ins Deutsche begann.
Die Reformation
Nach dem Reichstag zu Worms betrachtete die römische Kirche den Fall Luther und seine 95 Thesen als abgeschlossen. Innerhalb weniger Jahre wurde jedoch klar, dass das kaiserliche Wormser Edikt und die Exkommunikation weitgehend erfolglos geblieben waren. Luthers Reaktion auf die Lehren der mittelalterlichen römischen Kirche hatte eine Bewegung ausgelöst, die sich – unterstützt durch die deutsche Übersetzung des Neuen Testaments – über weite Teile Europas ausbreitete und das Interesse von Herrschern wie Bauern gleichermaßen weckte.
Im Laufe der folgenden Jahrhunderte entwickelte sich das, was als dogmatischer Streit begonnen hatte, zu einer Bewegung mit weitreichenden politischen, wirtschaftlichen, kulturellen und sozialen Auswirkungen, die die Geschichte Europas (und der westlichen Welt) dauerhaft veränderten. Bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts dominierte das Lutherthum im Norden des Kontinents. Inspiriert von Luthers Lehren entstanden in ganz Europa weitere unabhängige Reformimpulse, wie etwa die von Ulrich Zwingli und Johannes Calvin in der Schweiz angeführten.
Die Spaltung zwischen der römisch-katholischen Kirche und dem Protestantismus sollte nie wieder geheilt werden.


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